Taktlos mit viel Taktgefühl

Man stelle sich vor, es gäbe eine Band, die selbst Eddie Argos von Art Brut als die “Antwort auf alle Fragen” darstellt. Man stelle sich weiter vor, das läge daran, dass sie “Texte schreiben, von denen jeder träumt sie einmal zu schreiben”. Das ganze dann bitte dargereicht mit Liedern, von denen jedes einzelne es verdient hätte, bis in alle Ewigkeit aufbewahrt und gespielt zu werden, damit es niemals in Vergessenheit gerät. Man nehme also alle diese Zutaten, gebe noch ein wenig Dandy-Charme hinzu und vermenge sie gründlich.

Nun, das ist bereits geschehen. Als sich vor fünf Jahren die beiden Lyriker Julia und Simon Indelicate zusammen taten, um eine Band zu gründen, die fortan unter dem Namen The Indelicates vor nichts halt machen sollte, was irgendwie als heilig galt.

So verdammen Sie in »We Hate The Kids«, ihrer ersten Single, gleich mal die ganze Musikindustrie, machen aber deutlich, dass sie selber sich als Teil dieser sehen, so dass die Musikindustrie letzten Endes als zwar zerkratztes, hässliches, aber dennoch bewundernswertes Etwas dasteht, ohne das uns vermutlich einiges fehlen würde.

I wanted to aspire to a higher path
But there’s no higher path

- We Hate The Kids

Ihr erstes Album, »American Demo«, das im Jahr 2008 nach mehreren Singles und einer EP das Tageslicht erblickte, war sogleich ihr erstes Meisterstück. In 13 Liedern + Intro ziehen sie über die Feministenbewegung in den 2000ern her (»Our Daughters Will Never Be Free«), proklamieren das Ende der Rock- und Popmusik (»The Last Significant Statement To Be Made In Rock’n'Roll«), klagen den Musikjournalismus an (»If Jeff Buckley Had Lived«) und erheben sich selbst zu dem, was sie selbst verachten: Sklaven der Musikindustrie, zwei Menschen, die durch Presse und die Öffentlichkeit entmenschlicht und entmündigt werden (»New Art For The People«).

But for the cum in your hair
The cocaine on your teeth
You’d be just like the girls
I kissed on the heath

- New Art For The People

2010 war es dann soweit, und sie veröffentlichten ihr zweites Album, »Songs For Swinging Lovers«. Diesmal zogen sie dafür kurzerhand ihr eigenes Label auf, mit einem einzigartigen Geschäftsmodell: Jeder soll so viel bezahlen, wie er will.
»Songs For Swinging Lovers« ist wie schon das erste Album eines, dass einen immer wieder zum Staunen bringt ob der exzellenten Texte und diesmal ebenso ausgezeichneten Produktion. Vom beinahe kabarettistischen, wunderbar sarkastischem Toast auf Europa (»Europe«) bis hin zum herrlich zynischem Abschluss (»Anthem For Doomed Youth«), in dem mal eben erklärt wird, warum der westliche Punk heute eigentlich keine Daseinsberechtigung mehr hat, finden sich auch auf diesem Album wieder Lieder und Texte, vor denen jeder Autor der “großen” Konzerne vor Neid erblassen würde.

You and your friends have been discussing how
It seems rebellious to vote conservative now

- Jerusalem

We are miners no more
Never torn by war
Neither starving nor struggling
Not credibly poor

- Anthem For Doomed Youth

Wertung: 5/5, beide Alben!

Offizielle Website
Corporate Records

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